Lehrveranstaltung

Thomas-Michael Seibert

Ehre und Persönlichkeitsrecht

Do 14-16 (Beginn: 17.10.2019, Vorbesprechung: 26.9.2019, 14 h c.t.)

Ehre ist ein altes strafrechtliches Rechtsgut, vielleicht der Grund des Strafrechts insgesamt. Das Persönlichkeitsrecht ist eine postmoderne Zutat, die sich im deutschen Rechtskreis seit 1950 verbreitet hat und heute das verbreitete Stichwort für persönliche Probleme gibt. Es soll historisch untersucht werden, wie sich die Empfindlichkeiten in der Wahrnehmung von Kommunikationsverletzungen verschoben haben, und es soll straf- und verfassungsrechtlich überlegt werden, welche Beschränkungen sich die Ehre heute gefallen lassen muss. Zwischen der Wahrnehmung von (berechtigten) Interessen und neuartigem Mobbing bewegen sich Gerichtsentscheidungen, die exemplarisch und im Vergleich erörtert werden sollen. Um Interessenanmeldung per e-mail (tmseibert@seibert-media.net) wird gebeten.

Mögliche Themen (die in der Vorbesprechung vorgestellt werden und zu denen man sich erklären kann) sind:

aus Rechtstheorie, Sozialphilosophie und Kriminologie

  1. Ehre als Kommunikationsvoraussetzung (unter diesem Titel: Knut Amelung, Studien zum Wirklichkeitsbezug des Ehrbegriffs und seiner Bedeutung im Strafrecht, 2002).
  2. Ehre historisch: Karl Binding: Die Ehre. Der Zweikampf, Berlin 1909; dazu auch Ute Frevert, Ehrenmänner. Das Duell in der bürgerlichen Gesellschaft, München 1991.
  3. Ehre empirisch: Ludgera Vogt, Zur Logik der Ehre in der Gegenwartsgesellschaft, Frankfurt a. M. 1997, 225-368.
  4. Ehre modern: Avishai Margalit: Politik der Würde. Über Achtung und Verachtung, Berlin 2012, Abschnitt I 3.
  5. Ehre und was davon übrig bleibt: Berger, Berger u. Kellner: “Über den Begriff der Ehre und seinen Niedergang”, in: dies., Das Unbehagen in der Modernität. 1987, 75ff.
  6. Ehre im Prozess: “Schiffbruch” bei der Verfolgung von Ehrverletzungen gem. § 383 Abs. II StPO (Fischer, StGB, vor § 184, Rdz. 5a); dazu auch: Rüdiger Koewius, Die Rechtswirklichkeit der Privatklage, Berlin 1974, § 28 und zum Verfahren insgesamt §§ 18-34.
  7. Wie verändert sich das Verständnis der Ehre durch die Annahme eines Persönlichkeitsrechts? Ein Entscheidungsquerschnitt von BVerfGE 54, 148 (Erhard Eppler) über 54, 208 (Böll/Walden) sowie von BGHZ 31, 308 (Alte Herren); 39, 124, 127 (Fernsehansagerin); 78, 274 (Scientology zu 99, 133, 135 (Oberfaschist).

in einer Kritik der Strafrechtsprechung bei Fallgruppen unter Berücksichtigung ausgewählter Entscheidungen, in denen § 185ff. StGB auftauchen:

  1. Polizistenfälle: OLG Düsseldorf JMBlNW 1981, 95; BayObLG NStZ 88, 365; OLG Oldenburg  JR 1990, 128 “Scheißbulle”; AG Tiergarten NJW 2008, 3233 “Herr Oberförster”.
  2. Judenbeleidigungen: BGHSt 8, 325 (“Vertreter einer fremdvölkischen Minderheit”); NStZ-RR 2004, 107; Michel Friedmann: dazu Zeitungsberichterstattung in: https://www.tagesspiegel.de/kultur/zigeunerjuden-urteil-die-beleidigung/252080.html und https://taz.de/!1106587/ (https://openjur.de/u/314595.html) (“Zigeunerjude”) ; BGHSt 40, 97 (Leugnung des Holocaust).
  3. Sexualbezogene Beleidigungen: BGHSt 1, 288 – Urt. v. 29.5.1951 (Beleidigung gegenüber einem 12jährigen Mädchen); BGH NStZ 1984, 216 (“Modell-Hostess für schöne Stunden”); BGHSt 35, 76 (https://research.wolterskluwer-online.de/document/98d743c0-d18d-46c9-b27d-6bb6accf3036).
  4. Gerichtsverfahren: BVerfG 57, 170 – Beschl. v. 5.2.1981 (Briefkontrolle in der Untersuchungshaft); OLG Celle Urt. v. 27.03.2015 (https://openjur.de/u/769368.html), StV 2015, 566 (ein Brief an den Präsidenten des Landessozialgerichts); BGHSt 53, 257 (“unfähiger und fauler Richter”). (https://www.hrr-strafrecht.de/hrr/2/08/2-302-08.php).
  5. Presseinhaltsdelikte: BVerfG NJW 1991, 1529 – Beschl. v. 19.12.1990 1 BvR 389/90 (Bezeichnung einer Ärztekammer als “undemokratischer Zwangsverband”); AG Pasewalk, Urt. v. 20.5.2015, Bezeichnung als “Rabauken-Jäger” in einem Zeitungsartikel https://www.burhoff.de/asp_weitere_beschluesse/inhalte/3074.htm
    nachfolgend OLG Rostock, Beschl. v. 9.9.2016 (https://www.burhoff.de/asp_weitere_beschluesse/inhalte/3722.htm) afp 2017, 71.
  6. NS-Vokabular: OLG München Urt. v. 31.5. 2017, 5 OLG 13 Ss 81/17 AnwBl 2017, 783 (Roland Freisler-Vergleich); BVerfG NJW 2006, 3769 (“Babycaust”).
  7. Politikerbeleidigungen: Beate Klarsfelds Ohrfeige gegen den damaligen Bundeskanzler Kiesinger (https://www.kostenlose-urteile.de/AG-Tiergarten_380-Ds-16168_Beate-Klarsfeld-wegen-Ohrfeige-auf-Bundeskanzler-Kurt-Georg-Kiesinger-zu-Freiheitsstrafe-von-1-Jahr-verurteilt.news3869.htm); OLG Hamburg JR 1985, 429 (Franz-Josef Strauß als Schwein); AG Frankfurt StV 1981, 630 (Franz-Josef Strauß als Kampfstier), das Schmähgedicht von Jan Böhmermann über den türkischen Staatspräsidenten – strafrechtlich gesehen.

Eine Leistung im Schwerpunktbereich oder im Nebenfach kann mit einem mündlichen Beitrag (10-15minütiger Impuls) und schriftlicher Ausarbeitung (ca. 50.000 Zeichen einschl. Literaturverarbeitung, vorzulegen bis zum 31.3.2020) erworben werden.