Lehrveranstaltung

Thomas-Michael Seibert

Nietzsches Strafrecht

Di 14-16 (Beginn: 30.4.2019, Vorbesprechung: 9.4.2019, 14 h c.t.)

Man benötigt für alle Themen eine Nietzsche-Werkausgabe oder Teile davon. Diese Werkausgaben sind gelegentlich selbst schon halbe oder ganze Nietzsche-Interpretationen, d.h. sie machen den Autor nach bestimmten Gedanken zurecht. Üblich geworden ist heute die 15 Bände umfassende kritische Studienausgabe (KSA) von Colli/Montinari. Gut und gebräuchlich ist daneben auch die (nur) dreibändige Ausgabe von Karl Schlechta. Problematisch, aber verbreitet ist die frühere Ausgabe im Kröner Verlag. Im Folgenden zitiere ich nach den von Nietzsche zwischen 1872 und 1887 selbst herausgegebenen Schriften und den dort angegebenen Kapitel- (I, II, III …) und Sentenzziffern, sodass man sich in jeder Ausgabe zurechtfinden sollte.

Eine kurze und zupackende Nietzsche-Biographie gibt Werner Ross, Der wilde Nietzsche oder die Rückkehr des Dionysos (1994). Die Nietzsche-Interpretationen füllen die philosophische Fakultät und sind im juristischen Zusammenhang nur teilweise von Bedeutung. Kurz, knapp und von eigener Kenntnis des Autors beeinflusst ist Lou Andreas-Salomé: Nietzsche in seinen Werken (schon 1894, Neuausgabe bei Insel). Die jüngste (lesens- und berücksichtungswerte) jur. Diss. zum Thema hat vorgelegt: Sascha Straube, Zum gemeinsamen Ursprung von Recht, Gerechtigkeit und Strafe in der Philosophie Friedrich Nietzsches (2012).

Themenliste:

  1. Nietzsches rhetorische Maximen oder: Inwiefern der Denker seinen Feind liebt
    1. (in: Morgenröthe, IV 370 ): „Nie etwas zurückhalten und dir verschweigen, was gegen deinen Gedanken gedacht werden kann! Gelobe es dir! Es gehört zur ersten Redlichkeit des Denkens. Du musst jeden Tag auch deinen Feldzug gegen dich selber führen. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit, – aber auch deine Niederlage ist nicht mehr deine Angelegenheit!“
    2. Rhetorik der Persuasion – auch in Strafsachen?
      nach: Paul de Man, Beitrag unter diesem Titel in: ders., Allegorien des Lesens, Frankfurt a.M. 1988 (edition suhrkamp) 164-178
  2. Nietzsche, der Moralist
    Zu entdecken ist der maximen- und sentenzartige Charakter in Nietzsches Schriften und seine Konzentration auf (Allzu-)Menschliches. Was kennzeichnet einen Aphorismus und wie sollte man Aphorismen lesen? Weiterführende Literatur: Peter Balmer, Die Philosophie der menschlichen Dinge. Die europäische Moralistik (1981), 11ff und 162 ff und der Eintrag “Aphorismus” im Nietzsche-Handbuch (hrsg. v. H. Ottmann, 2000, 185ff.).
  3. Nietzsche in der Postmoderne
    Ausgangspunkt ist die Nietzsche-Rezeption bis 1945, die aufgrund des Wirkens seiner Schwester und deren philosophischer Helfer zum Ruin des Werkes geführt hat. Die Umwertung erfolgte in Frankreich (dazu Werner Hamacher, Echolos, in: ders. (Hrsg.), Nietzsche aus Frankreich (Neuausgabe 2003, 7-18) mit dem Aufsatz von Michel Foucault, Nietzsche, die Genealogie, die Historie (dort 99-123, aber auch in: Michel Foucault, Von der Subversion des Wissens (1974), 69ff.
  4. Nietzsches Frauen
    Das Thema kann attraktiv sein, ist aber nicht ganz einfach. Der Bezug auf normative, gar strafrechtliche Inhalte ist erst noch zu entdecken. Zur Orientierung die Zusammenstellung im Nietzsche-Handbuch (hrsg. v. H. Ottmann, 2000, 50-56). Man sollte sich konzentrieren, und zwar vor allem auf seine Mutter, seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche (die Verführerin, die N. für Adolf Hitler zurechtmachen ließ) und Lou Andreas-Salomé (die Muse, die N. gern zu seiner Geliebten gemacht hätte). Heranziehen kann man Salomés eigene Lebensdarstellung (Lebensrückblick, 1951) und ganz wichtig in diesem Zusammenhang sind die veröffentlichten Briefe, und zwar Bd. 6 KSA der Briefe etwa zwischen S. 212 und 500. An der Verknüpfung zwischen “der Frau und der Wahrheit” versucht sich in einem dekonstruktiven Artikel Jacques Derrida, Sporen, in: W. Hamacher (Hrsg.), Nietzsche aus Frankreich (Neuausgabe 2003, 199-209).
  5. Der Ursprung der Gerechtigkeit
    Quelle dazu in Menschliches, Allzumenschliches II 22 mit der gesetzesähnlichen Formel:: Wer dieses Gleichgewicht stört, wird bestraft, weil das Gefühl des gestörten Gleichgewichts, eben „Gerechtigkeit“ genannt, nicht nur die Wiederherstellung des ursprünglich gestörten Zustands verlangt, sondern ein Mehr, „ein Etwas von der Härte des Naturzustands.“
  6. Die Gerechtigkeit als Gegnerin von Überzeugungen (Quellen dazu in Menschliches, Allzumenschliches I 636 und Fröhliche Wissenschaft IV 289 (Auf die Schiffe), zur Interpretation: Klaus Günther, Das Bedürfnis nach Normativität, in: Der Sturz der Idole, hrsg. v. Ph. Rippel (1989, 9-120)
  7. Die strafende Gerechtigkeit (Quelle dazu in Menschliches, Allzumenschliches I 105)
  8. Wozu sind Verfahren gut? oder: warum sind sie schlecht? Quellen dazu in Fröhliche Wissenschaft III 184:
    Justiz. – Lieber sich bestehlen lassen, als Vogelscheuchen um sich haben – das ist mein Geschmack. Und es ist unter allen Umständen eine Sache des Geschmacks – und nicht mehr.
    und auch in Nachgelassene Fragmente in: KSA 11, 25(469)):
    Zu-Gericht-sitzen. Von allen Urtheilen ist das Urtheil über den Werth von Menschen das beliebteste und geübteste – das Reich der größten Dummheiten. Hier einmal Halt zu gebieten, bis es als eine Schmutzigkeit, wie das Entblößen der Schamtheile gilt – meine Aufgabe.
  9. Gilt die Grundunterscheidung von Gut und Böse?
    Quellen dazu in: Menschliches, Allzumenschliches I 107
    sowie in:
    Also sprach Zarathustra III “Von alten und neuen Tafeln” 9:
    Ein alter Wahn, der heisst Gut und Böse. Um Wahrsager und Sterndeuter drehte sich bisher das Rad dieses Wahns
    „… zwischen guten und bösen Handlungen giebt es keinen Unterschied der Gattung, sondern höchstens des Grades. Gute Handlungen sind sublimierte böse; böse Handlungen sind vergröberte, verdummte gute. Das einzige Verlangen des Individuums nach Selbstgenuss (sammt der Frucht, desselben verlustig zu gehen) befriedigt sich unter allen Umständen, …“
    und im gleichen Buch Kap. III: Von den drei Bösen: Wollust, Herrschsucht, Selbstsucht.
  10. Zum Täterwissen
    Quellen dazu in Menschliches, Allzumenschliches I, 80: Über Verbrecher.
    Unser Verbrechen gegenüber Verbrechern besteht darin, dass wir sie wie Schufte behandeln.
  11. Die Parabel vom “bleichen Verbrecher” (in: Also sprach Zarathustra I), dazu Annemarie Pieper, “Ein Seil geknüpft zwischen Tier und Übermensch”. Nietzsches erster “Zarathustra” (1990), 170-182.
  12. Über Motive
    Quelle dazu in Morgenröthe II 129: Der angebliche Kampf der Motive, gefolgt von Nr. 130: Zwecke? Willen?
  13. Was ist Schuld?
    Quellen dazu in Fröhliche Wissenschaft III 250: Obschon die scharfsinnigsten Richter der Hexen und sogar die Hexen selber von ihrer Schuld überzeugt waren, war die Schuld trotzdem nicht vorhanden. So steht es mit aller Schuld“
    und auch: Ob die Anhänger der Lehre vom freien Willen strafen dürfen? (Menschliches, Allzumenschliches II 23)
  14. Wozu Strafen?
    Gegen die Herdenmoral über das Strafen: Jenseits von Gut und Böse 201
    Über Ursprung und Zweck der Strafe (Genealogie der Moral II. Abh. 12 und 13),
    Der Zweck der Strafe (Fröhliche Wissenschaft 219)
    dazu Kommentar v. Werner Stegmaier, Nietzsches “Genealogie der Moral” (Wiss. Buchges. 1994, Werkinterpretationen), Gerhard Gamm, Die Erfahrung der Differenz, in: Der Sturz der Idole, hrsg. v. Ph. Rippel (1989, 123-164)  und der Eintrag “Strafe” im Nietzsche-Handbuch (hrsg. v. H. Ottmann, 2000, 333f.)
  15. Strafzumessung (Quelle dazu in Menschliches, Allzumenschliches II 24)

Eine Leistung im Schwerpunktbereich oder im Nebenfach kann mit einem mündlichen Beitrag (10-15minütiger Impuls) und schriftlicher Ausarbeitung (15-20 S. mit Literaturverarbeitung, vorzulegen bis zum 30.9.2019) erworben werden.