Lehrveranstaltung

Thomas-Michael Seibert

Hannah Arendt: Ihr Beitrag zu Kriminologie und Rechtstheorie

Eine Vorbesprechung kann für dieses Semester nur schriftlich stattfinden. Deshalb werden alle Studierenden dringend gebeten, sich bis zum 1.4.2020 per Mail anzumelden

Beginn 22.04.2020, 14-16 h mit einer Themenvorstellung, Teilnehmerbeiträge ab 29.4,

Hannah Arendt hat das politisch Böse am eigenen Leib erfahren und darüber als Politologin nachgedacht. Der Beitrag ihres grundlegenden Werks über „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ (1951), ihrer Vorlesungen zu Fragen der Ethik (1965) und ihrer Schrift über „Macht und Gewalt“ ist für Juristen noch zu entdecken. Bekannt, berühmt und teilweise auch verfemt ist ihr Bericht über den Eichmann-Prozess in Jerusalem 1961. Auszüge dieser Texte sollen dargestellt und im kriminologischen Kontext der Makrokriminalität wie im rechtstheoretischen Verhältnis von Person, Staat und Gesellschaft diskutiert werden.

Um Interessenanmeldung per e-mail (tmseibert@seibert-media.net) wird gebeten.

Mögliche Themen (die in der Vorbesprechung vorgestellt werden und zu denen man sich erklären kann) sind:

I. zunächst mit dem Eichmannprozess als Bezug

  1. Banalität oder Monstrosität des Bösen? Arendts allgemeine These zur Alltäglichkeit und Gedankenlosigkeit des Verbrechens, dazu: Margalit/Motzkin, Anstifter und Vollstrecker
    Seyla Benhabib, Identität, Perspektive und Erzählung;
    Dan Diner, Hannah Arendt Reconsidered: Über das Banale und das Böse in ihrer Holocaust-Erzählung,
    alle in: Gary Smith (Hrg,), Hannah Arendt Revisited: »Eichmann in Jerusalem« und die Folgen.
  2. Hannah Arendt in Jerusalem: die Nöte einer Gerichtsreportage
    Anstöße dazu in den Beiträgen zur „Anatomie einer Kontroverse“ in: Gary Smith (Hrg,), Hannah Arendt Revisited: »Eichmann in Jerusalem« und die Folgen, 17-94.
  3. Der Verlauf des Eichmann-Prozesses: Festnahme, Ermittlung, Hauptverhandlung, Urteil
    Harry Mulisch: Strafsache 40/61: Eine Reportage über den Eichmann-Prozeß (1995); Avner W. Less: Schuldig. Das Urteil gegen Adolf Eichmann (1987)
  4. Von der notwendigen Vorsicht im Umgang mit der Einlassung eines Angeklagten: Eichmann in den Sassen-Protokollen und im Ermittlungsverfahren
    Avner Werner Less: Lüge! Alles Lüge!: Aufzeichnungen des Eichmann-Verhörers (2012)
    Irmtraud Wojak: Eichmanns Memoiren (2001)
  5. Arendts Eichmann-Reportage im Kontext ihrer Rechtsvorstellung
    Rui Gerra de Fonseca: Eichmann in Jerusalem. Between the Legal and the Political in Hannah Arendt´s Tought, in: Kai Ambos u.a. (Hrg.), Eichmann in Jerusalem – 50 Years After. An Interdisciplinary Approach, Berlin 2012, 57-67.

II. Arendt philosophisch und politologisch:

  1. Die Enthüllung der Person im Handeln und Sprechen, in: H.A., Vita activa oder vom tätigen Leben, TbAusgabe 2002 (Piper), 213-317.
  2. Gewissen als Instanz der Freundschaft und der Selbst-Verständigung im Denken am sokratischen Beispiel
    H.A., Sokrates. Apologie der Pluralität, veröffentlicht nach einer 1955 gehaltenen Vorlesung mit Einführung und Ergänzungen von Jerome Kohn, eines damaligen Studenten (in den Miniaturen über „Fröhliche Wissenschaft“ bei Matthes & Seitz, 2016).
  3. Über totale Herrschaft (Untergang der Klassengesellschaft, Die Massen, totale Organsiation, Staatsapparat, Konzentrationslager), in: H.A., Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, TbAusgabe 1986 (Piper), in Teil III zwischen 471 und 700.
  4. Arendt und Kant: die politische Seite der praktischen Urteilskraft, dazu H.A., Das Urteilen, und Einträge im Denktagebuch, Kant-Heft
  5. Die Neigung zu Gewalthandlungen in neuen politischen Bewegungen, in: Macht und Gewalt, insbesondere in der I. Vorlesung, dt. 1970, Taschenbuch in der 26. Aufl. 7-35.
  6. Zur Unterscheidung von Macht und Gewalt in der II. Vorlesung der gleichnamigen veröffentlichten Vorlage, dt. 1970, Taschenbuch in der 26. Aufl. 36-58.

III. Arendt rechtstheoretisch:

  1. Die Aporien der Menschenrechte, in: H.A., Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik, Teil IV, Ausgabe 2007 (piper), 452- 470.
  2. Wie können Recht und Unrecht unterschieden werden?, in: H.A., Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik, Teil IV, Ausgabe 2007 (piper), 117-150.
  3. Hannah Arendts Rechtsdenken
    dazu Maximo La Torre: Hannah Arendt and the Concept of Law, in: Kai Ambos u.a. (Hrg.), Eichmann in Jerusalem – 50 Years After. An Interdisciplinary Approach, Berlin 2012, 39-56.

IV. Zur Person und Sache:

  1. „Lieber Martin“ – Heidegger-Motive in Hannah Arendts Leben und Denken
    Materialien: Arendts Ansprache zum 80. Geburtstag Heideggers (bei You Tube zu hören und in: H.A., Menschen in finsteren Zeiten, zu lesen; Biographisches bei Elisabeth Young-Bruehl, Alois Prinz, Ken Krimstein (comic) u.a.; Authentisches in den edierten Briefen Arendt Heidegger 1925 – 1975. Im Ganzen dazu: Antonia Grunenberg, Hannah Arendt und Martin Heidegger. Geschichte einer Liebe, 2008.

Eine Leistung im Schwerpunktbereich oder im Nebenfach kann mit einem mündlichen Beitrag (10-15 minütiger Impuls) und schriftlicher Ausarbeitung (ca. 50.000 Zeichen einschl. Literaturverarbeitung, vorzulegen bis zum 30.9.2020) erworben werden.