Paradigmenwechsel im Strafrecht
in Zusammenarbeit von Seibert / Taschke
Seminar im WS 2025/26
| Als “Paradigmenwechsel” bezeichnet man seit Thomas Kuhn (dt. 1973) den Wandel des Denkens über und des Wahrnehmens von Tatsachen oder – juristisch gesehen – von Fällen und Methoden. Es geht also um mehr als nur Rechtsprechungsänderungen. Diskutiert wird das anhand verschiedener Fallkomplexe und Entscheidungen wie Produkthaftung (Contergan/Lederspray/Holzschutzmittel), Täterschaft vs. Beihilfe anhand von BGHSt 18, 87 (Staschynskij), der neueren Rspr. zu NS-Verbrechen (BGHSt 61, 252 und BGH NJW 2024, 3246), der Organisationshaftung (BGH Entscheidung zum Nationalen Verteidigungsrat, BGHSt 40, 218, und ihrer Bedeutung für die Verfolgung von Wirtschaftskriminalität) wie auch im Vergleich zur Wahrnehmung von Rechtsbeugung bei NS-Richtern vs. Rechtsbeugung bei DDR-Richtern oder der Ersetzung der alten “fortgesetzten Handlung” durch sog. “natürliche” Handlungseinheiten. Zum Ablauf: Mündlich soll ein 10-15minütiger Impuls (nicht die fertige Arbeit) vorgetragen werden, für eine schriftliche Ausarbeitung (Seminararbeit) ist Zeit bis zum 31.3.2026. |
Beginn: 29.10.2025, Vorbesprechung: 24.09.2025 16 h, 16 – 18 h, Teilnehmerbeiträge wöchentl. mittwochs
- Was ist ein Paradigma und wieso bestimmt es das methodische Vorgehen? Wann und warum ereignen sich Wechsel?
Literatur aus der allgemeinen Wissenschaftstheorie: Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt a.M 1973, insbes. S. 68-78 sowie Ludwik Fleck, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsachen. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv, Frankfurt a.M. 1980, insbes. S. 40-53
- Täterschaft vs. Beihilfe
a) Täterschaft vs. Beihilfe anhand von BGHSt 18, 87 (Staschynski) und vollständig: https://openjur.de/u/55500.html
b) Wandel in der neueren Rspr. zur Beihilfe bei NS-Verbrechen, BGHSt 61, 252 und BGH NJW 2024, 3246
Lektüre zu a und b: Cornelius Nestler, Der 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs und die Strafverfolgung von NS-Verbrechen, FS Thomas Fischer, 2018, S. 1177 ff. - Die Aufgabe des Fortsetzungszusammenhangs – Ersetzung durch natürliche Handlungseinheit (BGH, Beschl. vom 3. Mai 1994, GSSt 2/93 und GSSt 3/93)
- Rechtsbeugung
a) NS-Richter
Rspr.: BGH, Urteil 19.06.1956, 1 StR 50/56, NStZ 1996, 485 (Huppenkothen, Dr. Torbeck); BGH, Urteil vom 30.4.1968 – 5StR 670/67, NJW 1968, 1339 (Rehse); BGH, Urteil vom 21.07. 1970, 1 StR 119/69;
b) DDR-Richter
BGH, Urteil vom 16.11.1995, 5 StR 747/94, NJW 1996, 857 (dazu methodisch: Seibert, Die Lehre vom Rechtszeichen, Berlin 2017, 381f.)
Im übrigen Literatur zu a und b: Ingo Müller, Furchtbare Juristen, 1987, S. 275 ff;: Günter Spendel, Rechtsbeugung und BGH – eine Kritik, NJW 1996, 809; Otto Gritschneder, Rechtsbeugung. Die späte Beichte des Bundesgerichtshofs, NJW 1996, 1239. - Haftung in Unternehmen : LG Aachen, Contergan-Verfahren (Beschluss vom 18. Dezember 1971, auszugsweise JZ 1971, 507, Volltext: https://www.contergan-skandal.de/-/media/projects/thalidomide/de/pdf/einstellungsbeschluss-contergan-prozess-1970.pdf und Entscheidung des Bundesgerichtshofs, Urteil vom 6. Juli 1990, BGHSt 37, 106 ff. (Lederspray-Entscheidung), vollständiges Urteil abrufbar unter https://openjur.de/u/59498.html. (eine Sitzung)
- Haftung in Gremien: BGHSt 37, 106 ff (Lederspray-Entscheidung, siehe vorstehend): Die „überbedingte“ Mehrheitsentscheidung.
Literatur: Isik, Die strafrechtliche Zurechnung bei Kollegialentscheidungen unter Beteiligung mehrerer Kollegialorgane. Eine strafrechtsdogmatische Problemanalyse unter Heranziehung der Grundsätze des Unternehmensrechts, 2022. - Kausalität im naturwissenschaftlichen oder juristischen Sinn?: BGHSt 37, 106 ff (Lederspray-Entscheidung, siehe vorstehend) und BGH, Urteil vom 2.8.1995, 2 StR 221/94, BGHSt 41, 206 ff (Holzschutzmittelverfahren)
- Der Täter hinter dem Täter, BGHSt 40, 218 (Nationaler Verteidigungsrat) und die Bedeutung für die Verfolgung von Wirtschaftsstraftaten
- Bundesverfassungsgericht: Der Wandel des Gewaltbegriffs -Sitzblockaden 1 – 3
VerfGE 73, 208; 92, 1; 104, 92
Literatur: Thomas-Michael Seibert, Äußerungsdelikte, 2023, S. 285 – 306
Eine juristische Schwerpunktbereichsleistung besteht aus einem mündlichen Beitrag (10-15minütiger Impuls) mit anschließender schriftlicher Ausarbeitung (ca. 50 TsdZ mit Literaturverarbeitung, vorzulegen bis zum 31.3.2026), eine Nebenfachqualifikation erfordert ebenfalls eine mündliche wie schriftliche Leistung. Um eine Voranmeldung per e-mail wird gebeten.