Lehrveranstaltung

Kriminalität, Strafrecht und Strafverfolgung im Kriminalroman

Cornelius Prittwitz und Thomas-Michael Seibert

Das Seminar (das sich vornehmlich, aber nicht ausschließlich, an Studierende der Schwerpunktbereiche 3 und 6 richtet) findet ‒ aller Voraussicht nach (leider) ‒ als Online-Seminar (via Zoom) donnerstags von 14-16 Uhr statt. Eine Vorbesprechung (vermutlich auch als Online-Treffen) findet statt am Donnerstag, 24.9., um 14 Uhr.

Ein- und hinführender Text: Wenn Literatur ein „ernsthafter Faktor im Umgang mit der Realität“ ist (Lüderssen, 1991, S. 18), dann fragt sich, ob und inwiefern Kriminalromane Erkenntnisse über Straftaten, Strafverfolgung und Strafrecht liefern. Seit jeher interessieren sich Romanciers für die Welt der Verbrecher und der Strafverfolger, im Kriminalroman findet sich also eine Textsorte, in der Vorstellungen über Straftaten, Ermittlung und Urteil formuliert werden. Das Erkenntnisinteresse des Forschungsseminars besteht darin, das Verhältnis dieser Vorstellungen, zu dem, was die Strafrechtswissenschaft normativ, was die Strafrechts- und Kriminalitätsgeschichte historisch und was die Kriminologie empirisch über die Gegenstände der Kriminalwissenschaften sagen, zu klären. Da auch die Recht- und Literaturwissenschaft auf die „Außenseite der Innenwelt“ des Rechts achten, kann das Seminar zusammenfassend charakterisiert werden als die Thematisierung ausgewählter klassischer und moderner Kriminalromane und dazu verfasster Reflexionstheorien.

Programm und (mögliche) Referate:

Das Seminar wird aus drei Blöcken bestehen:

  1. Kriminalität und Strafverfolgung in Kriminalromanen (max. 10-12 Referate)
    Im diesem (zentralen) Block A soll das Material aufgearbeitet und analysiert werden, das helfen soll, die Forschungsfrage, ob und ggf. was Kriminalromane zum Verständnis von Kriminalität und Strafverfolgung beitragen können, zu beantworten.
  2. Kriminalität und Strafverfolgung in Romanen (max. 3 Referate)
    In diesem (A und B ergänzenden) Block soll herausgearbeitet werden, was den „Kriminalroman“ vom literarisch dargestellten Verbrechen (und seiner Verfolgung) unterscheidet.
  3. „Law and Literature“ und der Kriminalroman (max. 5 Referate)
    In diesem Grundlagenteil sollen rechts- und literaturtheoretische Vorstellungen (Theorien?) über Aufgaben und Funktionen der Literatur in den Kriminalwissenschaften (namentlich Strafrecht und Kriminologie) diskutiert werden.

Im Einzelnen:

Im ersten Block A sollen in (maximal 10-12) Referaten Kriminalromane (eigener Wahl) auf der Grundlage eines gemeinsamen Fragenkatalogs untersucht werden, der (in einer ersten zu ergänzenden Version) folgende Punkte enthalten sollte:

  1. Steht die Kriminalität, der oder die Täter, der gesellschaftliche Kontext, oder der (oder die) strafverfolgenden Akteur(e) im Mittelpunkt des Kriminalromans?
  2. Wie werden die Taten und die Aktionen der Strafverfolger beschrieben und bewertet, gibt es Abweichungen zu den juristischen Normen (des Straf- und Strafprozessrechts)?
  3.  Was erachten Sie (als ReferentInnen) oder andere (z.B. Rezensenten) als „literarische Qualität“?

Beispielhaft (!) aufgeführte mögliche Referate:

  1. Patricia Highsmith’s Ripley: Der Verbrecher, der den Lohn seiner Tat genießt.
  2. Der klassische Detektivroman (z.B. Edgar Allen Poe [Der entwendete Brief], Conan Doyle [Sherlock Holmes], Agatha Christie [Hercule Poirot], Raymond Chandler [Philip Morlowe in Der große Schlaf].
  3. Das Scheitern der Strafverfolgung (z.B. Dashiell Hammett [Der Malteser Falke].
  4. Postmoderne Kommissare (z.B. Georges Simenon [die Maigret-Romane], Andrea Camilleri [die Montalbano-Romane], Hansjörg Schneider [die Hunkeler-Romane].
  5. Der Eigenbrötler (z.B. Friedrich Glauser [Wachtmeister Studer].
  6. Ermittlung von Außen als politische Strategie (z.B. John Grisham [Die Akte]).

Im zweiten Block soll anhand einiger (mehr oder weniger prominenter Beispiele) Krimi und Literatur gegenübergestellt werden. Beispielhafte Referate:

  1. Fjodor Dostojewski: Verbrechen und Strafe ( „Schuld und Sühne), 1866.
  2. Herrmann Broch: Hugeneau oder die Sachlichkeit, aus der Trilogie „Die Schlafwandler“ (1932). 
  3. Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (1. Fassung: 1922/23, 2. Fassung 1937, 3. Fassung: 1953/54).
  4. Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen, Untertitel: Requiem auf den Kriminalroman (1958), oder: Der Richter und sein Henker (Erste Buchausgabe: 1952), Der Verdacht (Erste Buchausgabe: 1953).

Im dritten Block geht es um literatur- und rechtstheoretische Grundlagen. Möglichst viele sollten einige diese Texte gelesen haben. Daran besonders Interessierte können eines dieser ‒ wiederum beispielhaft aufgeführten ‒ Referate übernehmen und so ausführlicher in diese Fragen einführen:

  1. Historischer Zugang am Beispiel des Pitaval als Lehrstück für Juristen und Publikum (etwa Prozessgeschichte der Marquise von Brinvillier), in: Friedrich Schillers Pitaval. Merkwürdige Rechtsfälle als ein Beitrag zur Geschichte der Menschheit, Ausgabe Eichborn 2005, 153-209).
  2. Zu Gericht sitzen (als literaturwissenschaftliche Theorie) am Beispiel von Jochen Hörisch mit dem gleichnamigen Beitrag (in: ders., Das Wissen der Literatur, 2007) zu Wilhelm Raabe, Stopfkuchen.
  3. Klaus Lüderssen (als kriminologischer/strafrechtstheoretischer Entwurf), Literatur – gesteigerte Realität, in: ders., Produktive Spiegelungen Bd. I, 2. Beitrag
  4. Richard Posner (als internationaler Diskussionsbeitrag eines Richters und Rechtstheoretikers), The Reflection of Law in Literature, in: ders. Law and Literature (3. Aufl. 2009).
  5. Thomas Weitin (als literaturwissenschaftlicher Theorieversuch), Erzähltes Recht: Die Wahrheit und die literarische Form, in: ders. Zeugenschaft. Das Recht der Literatur, 2009
  6. Luc Boltansky (als soziologisch/gesellschaftstheoretischer Entwurf), Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft (2013), Kap. 1: REALITÄT / gegen/Realität.
  7. Dirk Fabricius (als kriminologischer/strafrechtstheoretischer Entwurf), Kriminologie der Verbrechen im Roman, Abschnitt 8.4. in ders., Justitia, Freud und die Dichter, 2012.

Literaturempfehlungen (neben selbst gewählten Kriminalromanen) zur Einführung in das Seminar

  • Thomas Weitin, Recht und Literatur, 2010; 
  • Klaus Lüderssen, Produktive Spiegelungen, 1991; 
  • Heinz Müller-Dietz, Recht und Kriminalität in literarischen Spiegelungen, 2007;

    und ausführlich (zum „Stöbern“ und Anregungen finden) die Dissertation von:
  • Christina Rühl, Jenseits von Schuld und Sühne: Literatursoziologisch-kriminologische Aspekte ausgewählter Kriminalliteratur, 2011 (In der Fassung der Dissertation als Volltext online abrufbar unter:
    http://geb.uni-giessen.de › volltexte › pdf › RuehlChristina_2010_12_16