Antigone

Seit langem gilt der antike Mythos über Antigone als Symbol für sittliches Recht (siehe Hegel 1807, Abschnitt VI Ab). Die von Sophokles 441 v. Chr. verfasste dramatische Dichtung erhält durch den begleitenden und kommentierenden Chor eine eigentümliche Struktur, die zusammenfassen kann, was man in Figuren sonst nicht zusammen darstellen kann: den Widerstreit. Man kann den Text der Antigone lesen und hören, wenn man erfahren will, was in Widerstreit steht, was gegeneinander streitet und doch auf Einklang angewiesen ist, was sich ausschließt und sich gleichzeitig voraussetzt, was eine zwingende Logik ausmacht und gleichzeitig porös zerfällt und was schließlich das Leben nimmt, um es zu erhalten. Gemeint ist dabei die (post-)moderne Fassung, die Lyotard dem Widerstreit gegeben hat.
Zum Text: Antigone war der Sage nach die Tochter des Ödipus, über die sich der Fluch der Götter legt, nachdem ihr Vater Ödipus – wie es das Orakel geweissagt hatte – den Vater getötet und die Mutter geheiratet hat. Ihre Brüder erschlagen sich gegenseitig im Kampf um Theben, und Antigone widersetzt sich Kreons Gebot, den Bruder als Verräter unbeerdigt liegen zu lassen. Sie bedeckt ihn zweimal mit Erde. Wegen dieser Widersetzlichkeit wird sie gefasst und verurteilt. Wegen ihr sterben auch ihr Geliebter und Verlobter Haimon, der Kreons Sohn ist, und Kreons Frau Eurydike, die über dem Schicksal der Familie verzweifelt. Kreon erkennt zu spät, dass er an seinem Verbot und dessen Durchsetzung nicht hätte festhalten sollen, während er noch gegenüber dem blinden Seher Teiresias die Prophetie der Selbstvernichtung als erkauft diffamiert hatte.
Zum Widerstreit: Es gibt viele Gegensätze im Drama, die mehr sind als die Entgegensetzung von Richtigem und Falschem. Wenn man mit Augenfälligem beginnt, dann springt ins Auge der Gegensatz von Jugend und Alter (Antigone/Haimon vs. Kreon), von Staatsmacht und Protestantin (Antigone vs. Kreon), von Vater und Sohn (Kreon vs. Haimon) , von Ideengeberin und Mitläuferin (Antigone vs. Ismene). Dabei siegt nicht etwa immer eine Seite. Es ist nicht so, dass der Diktator Kreon sich gegen Antigone durchsetzte; er verliert alle Angehörigen, er erkennt, dass er irrt, und er verzichtet auch. Und es ist schließlich nicht so, dass Antigone sich einfach gegen die Diktatur durchsetzte. Es gab Gründe für das Beerdigungsverbot. Der von Kreon Geschmähte war im Kampf gegen Theben unterlegen, der Angriff auf die Herrschaft sollte bestraft werden. Demgegenüber hält Antigone an göttlichem Recht fest, die Toten zu bestatten, kann aber den Widerstreit nicht auflösen. Sie verliert ihr Leben und beklagt das, sie erkennt, dass die Wahrheit sie nicht rettet und hält doch an ihr fest, ohne die Hand gegen die Macht zu erheben. Antigone bekennt sich programmatisch zur Liebe: “Mitlieben, nicht mithassen ist mein Teil” (523), tritt aber dramatisch durch Provokation, Widerstand und Protest in Erscheinung. Ihre Haltung ist selbst ein Beispiel des Widerstreits und wird von ihr auch in einem bewegenden Monolog (925) vor dem verordneten Tod so empfunden:
  • Heiß ich doch, weil ich fromm war, Frevlerin!
    Ja, wenn es den Göttern wohlgefällt,
    Dann seh ich ein: Ich leide, weil ich fehlte.
    Doch fehlten diese, treffe sie nichts Ärgres,
    Als was sie wider Recht an mir getan!
Es bleibt zwar die Möglichkeit, dass Recht etwas anderes sein könnte als es ist, aber es soll in jedem Fall auch rächendes Recht bleiben und Wirkung zeigen, d.h. wenn es das ist, was Antigone meint: Kreon vernichten. Von diesem Protest her erschließt sich eine kämpferische Märtyrerhaltung gegenüber dem weltlichen Recht. Es ändert seinen Inhalt, aber nicht seine Form.
Zur Rezeption: Das Drama hat die moderne philosophische Literatur beflügelt. Die englischen Semiotiker Douzinas und Warrington (77f) verstehen die trotz manifester Aussichtslosigkeit durchgehaltene Überzeugung als radikale Kritik am Inhalt des Rechts und vor allem am Inhalt seiner Konzeption und Konstruktion in der Moderne.
  • “Antigone teaches that the nomos rises on the ground of the polemical symbiosis of female and male, singular and universal, justice and law. Force and form, value and validity are both implicated in the ethical substance of the law, are both parts of laws´s original ´must´”.
Mit diesen Sätzen verbleiben Douzinas und Warrington (1997) nicht nur zufällig in der Doppelung des sowohl/als auch, es wird nicht nur zufällig betont, wie viele Inhalte das Rechtszeichen erfasse, das selbst keine andere Bezeichnung als “nomos” erhält.
Die amerikanische Rhetorikerin und Feministin Judith Butler (wichtiges Werk: Hass spricht. Zur Politik des Performativen, am.: Excitable Speech 1997) hat zuletzt die Frage gestellt, ob Antigone den Formen entkommt, die sie zu bekämpfen meint. Es seien Strukturen der Verwandtschaft, die hier in Frage gestellt würden, zumal sich der Fluch der Götter am Inzesttabu entzündet habe. Zu erwägen sei ein psychoanalytischer Paradigmenwechsel: nämlich Antigone anstelle von Ödipus zum Symbol zu machen.
Dass der Widerstreit nicht beendet ist, wenn der Streit endet (weil der Gegner scheinbar verliert), erlebt man im Drama. Die Macht des Wortes überdauert das mächtige Wort, die Gerechtigkeit als Konzept überdauert jeden einzelnen Satz des Rechts. Der Widerstreit von gerechtem Handeln (das nicht selbstgerecht sein darf) und Rechtssatz (der nicht machtlos werden soll) findet zeitlosen Ausdruck.
Literatur zum Weiterlesen:
Antigone von Sophokles (Reclam Textausgabe).
G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Erstausgabe: 1807
Costas Douzinas, Ronnie Warrington: Justice Miscarried : Ethics and Aesthetics in Law. Harvester 1997.
Judith Butler: Antigones Verlangen. Verwandtschaft zwischen Leben und Tod. Frankfurt a.M. 2001.
Imke Sommer: Zivile Rechte für Antigone: Baden-Baden 1998.