Foucault

Michel Foucault (1926-1984) gehört zu den vielen Semiotikern, die das nicht sein wollten. Ausdrücklich abgewehrt hat er Begriffsmarken wie „Zeichen“ und „Struktur“ und statt dessen Praktiken, Diskurse und Dispositive untersucht. Was die Form rechtlicher Praktiken anbelangt, ist Foucault in erster Linie als Entdecker und Verwerter von Archiven in Erscheinung getreten. Für eine Rechtssemiotik grundlegend ist nach wie vor die wenig beachtete interdisziplinäre Aktenstudie (Foucault 1975) zur Unterbringung des Mörders von Mutter und Schwestern, Pierre Rivière, oder die gemeinsam mit Arlette Farge edierte Sammlung der lettres de cachet, die im pauschalen juristisch-historischen Zugriff meist als Musterbeispiel absolutistischer Willkür gelten, aber sich ganz anders lesen. Wenn man diese Archivfunde heranzieht, erhält man einen praktischen Eindruck davon, was „Archäologie“ am Beispiel des Rechts sein könnte: Studium der historischen Semantik an zeitgenössischen Fällen. Die Praktiken, die sich aus den Fällen ergeben, sind durchaus anders, als die Nachwelt sie verstand oder auch selbst die Akteure sie verstanden haben. In der Zeitschrift „Annales d´hygiène publique et de médecine légale“ von 1836 stießen Foucault und seine Seminarteilnehmer, die Philosophen, Psychologen und Analytiker Deleuze, Fontana, Castel, Peter und Jeanne Favret (Foucault 1989: 24f), zunächst auf drei medizinische Gutachten über einen Mörder, und zwar einen normannischen Bauernjungen, der seine gesamte Familie mit einer Spitzhacke erschlagen hatte, geflohen war, eine Zeitlang allein im Wald lebte, dann gefangengenommen wurde und in der Gefangenschaft einen Geständnisbericht, ein sogenanntes „mémoire“, schrieb, in dem er die Tat aus seiner Sicht schilderte. Die Gutachten, die von einem Landarzt, einem städtischen Mediziner und schließlich von einem Experten der damaligen Gerichtsmedizin stammten, kamen zu entgegengesetzten Ergebnissen. Schließlich wurde der Täter, Pierre Rivière, nicht hingerichtet, sondern „wegen Verirrung nicht nur der Seelenvermögen, sondern auch der Funktionen des Verstandes“ im Zuchthaus eingesperrt, wo er 1840 starb. Während der Zeitschriftenbericht von 1836 neben den Gutachten auch bereits Zeugenaussagen und Teile der Akten des Mordprozesses enthielt, gelang es Jean-Pierre Peter darüber hinaus, im Archiv von Caen das komplette mémoire und die dazugehörigen weiteren Akten sicherzustellen. Foucault (1989: 25) erkannte, dass dieser Fall die Ausdifferenzierung zwischen juristischem und medizinischem Diskurs beschreibt. Er veröffentlichte alle gefundenen Dokumente (1975: 17-195) und kommentierte sie zusammen mit eigenen Beiträgen der Seminaristen. Alle Beteiligten rühmen die semiotische Prominenz des mémoire, dessen Schönheit – die Foucault (1975: 9-12) hervorhebt – den Fall zum Punkt Null für die Eichung des Abstands zwischen Rechts- und Medizindiskurs macht, während er kriminalistisch und juristisch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts neben vielen anderen und als „Affaire“ berühmteren Fällen von Elternmord steht.

Juristisch berühmt geworden (wenn auch nicht geschätzt) ist Foucaults Studie (1978) über die Umstellung der Strafen auf Bewachungssysteme. Führten Körper- und Leibesstrafen zu Martern, so ersetzt der moderne Vollzug die Martern durch Zurichtungen der Disziplin. Die Macht des Panopticons (als einer Gefängnisanlage) besteht nicht darin, dass die Gefangenen gefoltert, sondern dass sie diszipliniert werden. Der zentrale Wachturm in der Mitte ermöglicht jederzeit den allseitigen Einblick in die ringförmig an der Peripherie errichteten Gefangenengebäude, in denen sich nicht mehr die amorphe, dicht gedrängte, ruhelose Masse befindet, sondern in jeder Minute der Tagesablauf der Individuen kontrolliert wird. Während die Gefangenen immer mit Überwachung rechnen müssen und keine Privatheit beanspruchen können, bleibt der Machthaber im zentralen Turm unsichtbar und darf wählen, wen er wie lange observiert (Foucault 1978: 256ff). Die Befolgung des Befehls muss nicht mehr durch ständige Gewaltwirkung und Marterung erzwungen werden, sondern sie erfolgt über die „Disziplinierung“ der Individuen, die Gewalt einschließt, aber nicht zum augenfälligen Merkmal macht. Der Befehl ist seitdem das Scharnier zwischen Machtwillen und Rechtsform geblieben. Wer etwas will, befiehlt es, und wenn er von Rechts wegen als einer eingesetzt ist, der befehlen darf (sonst wäre er ein Narr), dann ist das, was er sagt, legitimer Rechtsbefehl.

Zitierte Literatur:

Michel Foucault (1975): Der Fall Rivière. Materialien zum Verhältnis von Psychiatrie und Strafjustiz. Frankfurt a.M. (Orig. 1973).
Michel Foucault (1978): Überwachen und Strafen – Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt a.M. (Orig. 1975)
Michel Foucault (1989): Résumé des cours 1970 – 1982. Paris