Viehweg

Im Rechtsbereich hat Theodor Viehweg (1907-1988) die Topik modern gemacht. Damit hielt auch die Semiotik Einzug in die Rechtsphilosophie. Viehwegs schmale Schrift zur juristischen Topik als historischer Methode aus dem Jahre 1953 erhielt (1974) einen „Anhang zur Fortentwicklung der Topik“, und dieser Anhang komplizierte das juristische Methodenverständnis insofern, als er eine „nichtsituative“ deduktive, syntaktisch formierte und semantisch verfestigte Redeweise neben eine „situative“ als deren Gegenstück stellte, „die sich innerhalb der pragmatischen Redesituation bewegt“ (Viehweg 1974: 112). Für das bis dahin übliche (und heute noch durchaus geläufige) Methodenverständnis der akademischen Jurisprudenz war eine solche Entgegensetzung kaum verständlich. Natürlich wähnt sich jeder Jurist situativ am Fall arbeitend, aber als Jurist möchte er keine pragmatisch beweglichen, sowieso für alle irgendwie auf der Hand liegenden Beiträge liefern, sondern die Richtigkeit des Gesetzes vorweisen. Die behauptete Differenz zwischen syntaktisch-semantischer und pragmatischer Redeweise verband Viehweg (1977: 207) mit dem wiederholten Hinweis auf Perelmans argumentationsanalytische Untersuchungen (Viehweg 1995: 191, 216, 218). Den champ de l´argumentation (Perelman/Olbrechts-Tyteca 1970) überließ er anderen Autoren, während die „Schritte zur rhetorischen Rechtstheorie“ (Viehweg 1977) die Bewegung einer Pragmatik beförderten, die die Semiotik aus der von Charles Morris (1938) beschriebenen Einheit löste. 

Daran anschließend hat sich – an unterschiedlicher Stelle mit teilweise gegenläufigen Tendenzen – eine Rechtstheorie entwickelt, die seit Theodor Viehweg (1977) „rhetorisch“ heißt. Deren gemeinsames Merkmal besteht zunächst darin, dass die allgegenwärtige (rechts-) philosophische Frage: Was ist Recht? aus dem Fundus der dazu herangezogenen Texte unter Beachtung der sprachlichen Gestaltungsmittel und ihrer Adressierung an ein Publikum beantwortet wird. Für die deutschen Vertreter Mainzer Provenienz (Viehweg 1977, Ballweg 1989, Sobota 1990/ v. Schlieffen 2001) war der analytische Zugriff auf juristische Pragmatik der erste Schritt zur rhetorischen Rechtstheorie, im angloamerikanischen Auditorium tauchen die Modelle für legal rhetorics in liberaler Version bei James Boyd White (1973, 1985), in konservativer bei Richard Posner auf.

Die rhetorische Praxis wird in der Pragmatik durch Topoi abgebildet. Der Topos bewegt die Rechtsdisziplin. Als Bewegung oder auch: als Suche nach dem Beweger gehört die Topik deshalb zur Pragmatik. Topoi eröffnen ein Problem, binden es an einen Fall und verweisen gleichzeitig auf eine Tradition. Das alles sind wiederum  semantische Leistungen. Sie erfordern Stichworte, Regel- oder Merksätze ebenso wie Sachverhaltserzählungen (Struck 1971: 14). Die Topik – also die Sammlung von Topoi unter wechselnden Gesichtspunkten – stammt aus der Rhetorik und hat selbst eine lange Tradition. Sie verbindet bedeutungstragende Elemente –  Textstellen, Gesprächspositionen, Indizien –  zu einem Ganzen, das Aristoteles sowohl als offenen Katalog wie auch als Verfahren zur Entwicklung eines solchen Katalogs verstanden hat. Die Topik soll es ermöglichen, „dass wir über jedes aufgestellte Problem aus wahrscheinlichen Sätzen Schlüsse bilden können und, wenn wir selbst Rede stehen sollen, in keine Widersprüche geraten“. (Arist., Topik 100a). Ihre Ablösung von der Prozesssituation gelingt nicht, denn: „Alles drängt vielmehr zur Pragmatik“ (Viehweg 1995: 220). Der erste Schritt zur rhetorischen Rechtstheorie, den Viehweg unablässig empfohlen hat, besteht darin zu fragen, was geschieht, „wenn man die bisher dargestellte Sichtweise umdreht“.  

Literatur:

Aristoteles, Topik (in der Übersetzung v. Eugen Rolfes, Hamburg 1968).
Morris, Charles W. (1972): Grundlagen der Zeichentheorie. – (Orig. 1938) München
Perelman, Chaïm / Olbrechts-Tyteca, Lucie (1970): Traité de l´argumentation. La nouvelle rhétorique. – 2. Aufl, Bruxel­les.
Posner, Richard A. (1995): Overcoming Law, Cambridge/Mass.
Schlieffen, Katharina Gräfin von (2001): Rhetorik und rechtsmethodologische Aufklärung. – In: Krawietz, Werner / Morlok, Martin (Hrg.), Vom Scheitern und der Wiederbelebung juristischer Methodik im Rechtsalltag – ein Bruch zwischen Theorie und Praxis? – Rechtstheorie 32, 175-196.
Sobota, Katharina (1990): Sachlichkeit, rhetorische Kunst der Juristen. – Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang.
Viehweg, Theodor (1974): Topik und Jurisprudenz. Ein Beitrag zur rechtswissenschaftlichen Grundlagen­forschung. – 5. Aufl., München: Beck.
(1977): Schritte zur Rhetorischen Rechtstheorie. – In: ders. (1995), 200-205.
(1995) Rechtsphilosophie und Rhetorische Rechtstheorie. Gesammelte kleine Schriften, mit einer Einleitung hrg. v. Heino Garrn. Baden-Baden: Nomos.
White, James Boyd (1973): The Legal Imagination. – Chicago: The University of Chicago Press.
(1985): Heracles´ Bow. Essays on the Rhetorics and Poetics of Law. – Wisconsin: The University Press.