Archiv

Eine Rechtsfrage prüft man nicht einfach im Kopf am vorhandenen Bestand möglicher Antworten, sondern man erweitert das Repertoire möglicher Sätze und sucht nach bereits abgelegten Zeichen. Das verlangt handwerkliche Arbeit der Orientierung. Denn in der nicht-elektronischen Form wird Rechtswissen räumlich aufbewahrt. Dieser Raum ist das Archiv. Geordnet zu haben, was geschehen ist und damit das Archiv für zukünftige Entscheidungen zur Verfügung zu stellen: das ist die eigentlich juristische Aufgabe (Seibert 2017, 169-174). Das Archiv ordnet die Urkunden nicht wie Akten nach dem Zeitpunkt des Eingangs, sondern nach der Wichtigkeit des Inhalts. In der Genese des Archivs stehen am Anfang Schriftstücke aus Akten: Urteile aus Gerichtsakten, beurkundete Verhandlungen in Notarakten, amtliche Einträge im Handelsregister und im Grundbuch bilden das Archiv gesammelter Zeichen (Muckel 1997, 147). Dieses Archiv wird bewacht und überwacht. Die Bewachung reglementiert den Bestand gesetzter Zeichen: das Grundbuchamt, das Patentamt oder die Notare sind die wirklichen Aufbewahrungsorte. Die Gerichte, Verbände und Behörden überwachen den Eintritt, die Verwertung und die Auswirkungen des Zeichenbestands. Wenn man Jurisprudenz studieren will, muss man sich auch in Archive begeben. Das Archiv ist in seiner Genese der Ort, an dem ein Staat oder eine Gesellschaft ihre wichtigen und damit auch ihre rechtlich verbindlichen, gültigen Dokumente aufbewahrt. Es ist der Ort, an dem man nach Büchern und Akten, nach bedeutenden Entscheidungen und entscheidenden Passagen in diesen Texten sucht und das juristisch Wichtige finden kann (Goody 1990, 166f). Einmal gesetzte Zeichen erhalten einen besonderen Status, obwohl die Setzung selbst zufällig ist und immer auch anders ausfallen kann. Entscheidungen, die rechtskräftig sind, gehören zum juristischen Archiv.
Das so beschriebene Archiv erfährt unterschiedliche Wertschätzung. Zunächst einmal erscheinen die archivierten Wissensbestände als besonders wertvoll. Derrida (1995) hat das Archiv als Einheit von Archivalien, Archonten und Interpretationsmacht beschrieben. Die Archonten – heute: die Juristen – achten auf den Umgang mit den Texten. “Sie haben die Macht, die Archive zu interpretieren” (Derrida 1995, 15). In einem Depot solchen Archonten anvertraut, besagen diese Dokumente tatsächlich das Gesetz: Sie rufen das Gesetz ebenso hervor wie sie daran erinnern. Ohne Hüter des Gesetzes an einem für Gesetze ausersehenen, dauerhaften Ort kann es keine herrschende Topik (Derrida: “une topologie priviligiée”) geben. Durch consignatio wird – Derrida zufolge – Schriften, Textstücken, Zeichenketten eine mit einer idealen Versinnbildlichung verbundene Einheit verliehen, damit die gesammelten Teile nicht in die ursprüngliche Vielheit, Verschiedenheit und Heterogenität zurückfallen. Michel Foucaults macht deshalb Archivmaterial zur Grundlage seiner Wissenschaftsarchäologie. Im Archiv spürt er Fälle auf, dort erscheinen einzelne Anordnungen als Prisma einer gesellschaftlichen Entwicklung (Farge und Foucault 1982). Gleichzeitig wird aus Foucaults Archivarbeit aber auch deutlich, daß der Forscher sich an einem leblosen Ort aufhält. Der archivierte Fall ist abgeschlossen, die archivierte Gesellschaft trägt das Bild der Vorvergangenheit. Im Archiv werden Erlasse, Urteile und Gesetze nicht nur konserviert, sie sind auch vom Zerfall bedroht. Wenn wichtige Wissensbestände gesammelt und bewacht werden müssen, dann weist schon die Existenz der Wächter auf den jederzeit möglichen Zerfall hin (Derrida 1995). Das Leben findet außerhalb der Archive statt. Was neu ist und Recht werden will, ist noch nicht in Pergament gefaßt. Es wird vielleicht nie Pergament werden und kämpft deshalb gegen die papierne Rechtsfindung.
Erwähnte Literatur:
Derrida, Jacques (1995), Mal d´archive. Paris.
Goody, Jack (1990), Die Logik der Schrift und die Organisation von Gesellschaft. Frankfurt a.M.(engl. Orig. 1986).
Farge, Arlette, und Foucault, Michel (1982): Le désordre des familles. Lettres de cachet des Archives da la Bastille. Frankfurt a.M. 1989.
Muckel, Petra (1997), Der Alltag mit Akten – psychologische Rekonstruktionen bürokratischer Phänomene. Aachen.
Seibert, Thomas-M. (2017): Die Lehre vom Rechtszeichen. Entwurf einer allgemeinen Rechtslehre. Berlin.