Jurisprudenz

Es waren Juristen wie Julius von Kirchmann, die der Bewachung und Bewahrung des Rechts durch die Jurisprudenz das historisch vernichtende Urteil ausgestellt haben: “Die Juristen sind durch das positive Gesetz zu Würmern geworden, die nur von dem faulen Holz leben; von dem gesunden sich abwendend, ist es nur das kranke, in dem sie nisten und weben. Indem die Wissenschaft das Zufällige zu ihrem Gegenstand macht, wird sie selbst zur Zufälligkeit; drei berichtigende Worte des Gesetzgebers und ganze Bibliotheken werden zur Makulatur” (von Kirchmann 1848, 28f). Das Archiv zerfällt, und es muss zerfallen, damit das Recht sich in einer neuen Jurisprudenz angemessenen Ausdruck verschafft – der Grund, weshalb von Kirchmann (1848) die Jurisprudenz “als Wissenschaft” für wertlos erklärt hat.
Die Worte von Kirchmanns sind rechtspolitisch folgenlos geblieben und haben dennoch das Nachdenken über die Wissenschaftlichkeit der Rechtswissenschaft zum bleibenden Thema gemacht. Die sogenannte “Freirechtslehre” wandte sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit Pathos gegen rechtswissenschaftliche Archivierung, die am Rechtsleben vorbeigeht. “Tatsachensinn und Mutterwitz” verlangte Ernst Fuchs (1929, 46) stattdessen von den Juristen und setzte hinzu: “Anders ist gegen das Unrecht, das von juristischen Handwerkern gutgläubig verübt wird, kein Kraut gewachsen”. Nicht archivierte, begriffsjuristische interessante Rechtsfragen seien zum Stoff des Rechtsstudiums zu machen, sondern die “viel reizvolleren, fesselnden Tat- und Beweisfragen, die zugleich viel schwieriger und wichtiger sind” (Fuchs 1929, 47). Das führte dazu, dass Fuchs der juristischen Fakultät im Jahre 1912 ins “Stammbuch” eintrug, sie möge eine Rechtsklinik werden, in der induktiv-reales Beobachten anstelle begrifflich archivierten Ableitens gelehrt werde. Der Affekt gegen das juristische Archiv hat seitdem nie die Oberhand gewonnen, ist aber immer lebendig geblieben. Rodingen (1977, 76f) bezieht sich auf von Kirchmann und beklagt die “Entfremdung im und vom Recht” durch Werte und Begriffe, denen eine fixsternähnliche Strahlkraft beigemessen werde. Ballweg (1970,9) distanziert sich von Kirchmann, schränkt aber die Reichweite der Jurisprudenz auf ungefähres und stets wandelbares Meinungsdenken ein. Im Umkreis der rhetorischen Rechtstheorie (Ballweg und Seibert 1972) führt das archivierte Recht zu einer Differenz, die Theodor Viehweg (1995, 211) auf eine “syntaktisch-semantische Bearbeitung” der Rechtssprache einerseits gegenüber der “pragmatischen Redesituation” andererseits zurückgeführt hat. Die Jurisprudenz des Archivs kann syntaktisch-semantisch verstanden werden, wenngleich jeder archivierte Eintrag selbst aus einer Streitsituation herrührt, deren Bedingungen man beachten muss, um die Reichweite eines archivierten Gesichtspunkts (der seit Viehwegs Arbeiten auch juristisch wieder “Topos” heißt) zu ermessen. Die Pragmatik der Rede im Gerichtssaal wird hingegen meist noch nicht einmal als juristisches Werkzeug, sondern nur als Kanalisierung zufälligen Rechts abgelegt, wenn sie nicht Eingang ins juristische Archiv findet.
Literatur:
Ballweg, Ottmar (1970), Rechtswissenschaft und Jurisprudenz. Basel.
Ballweg, Ottmar/Seibert, Thomas-Michael (1982), Rhetorische Rechtstheorie. Freiburg.
Fuchs, Ernst (1929): Was will die Freirechtsschule? wieder veröffentlicht in: ders., Gerechtigkeitswissenschaft. Ausgewählte Schriften zur Freirechtslehre, hrsg. v. A.S. Foulkes und A. Kaufmann. Karlsruhe 1965
Kirchmann, Julius Hermann von (1848), Die Wertlosigkeit der Jurisprudenz als Wissenschaft, zitiert nach der Neuausgabe Heidelberg 1988.
Rodingen, Hubert (1977), Pragmatik der juristischen Argumentation. Was Gesetze anrichten und was rechtens ist. Freiburg u.a.
Viehweg, Theodor (1995), Rechtsphilosophie und Rhetorische Rechtstheorie. Gesammelte kleine Schriften. Mit einer Einleitung von Heino Garrn. Baden-Baden.